wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e.V.
Pflegende Angehörige in Deutschland
Die Anzahl pflegebedürftiger Menschen ist in den letzten Jahren enorm gestiegen. Trotz
des demographischen und soziokulturellen Wandels und seiner Auswirkungen (immer
mehr alte Menschen, weniger Kinder, Erwerbstätigkeit der Frauen, Mobilität etc.) erhielten
im Jahr 2003 92% aller pflegebedürftigen Menschen in Deutschland pflegerische Hilfen
und Betreuung aus der Familie oder der Bekanntschaft (sog. informelle Hilfe) (MuG
III-Studie), in der überwiegenden Mehrheit von ihren weiblichen Angehörigen. In der öffentlichen
Wahrnehmung kommen pflegende Angehörige allerdings kaum vor und auch
Angehörige selbst nehmen sich häufig nicht als Pflegende wahr.
Viele Menschen wollen ihre Familienmitglieder im Bedarfsfall selbst versorgen, fühlen
sich dann jedoch mit der Pflege oft allein gelassen, schlecht informiert, nicht wertgeschätzt
und mit der Situation überfordert. Das Risiko selbst zu erkranken ist für diese
Angehörigen deutlich erhöht. Hinzu kommt, dass eine Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit
häufig nur schwer möglich ist und damit entweder Pflegepotenzial verloren
geht oder die Angehörigen ihre eigene Absicherung zu Gunsten der Pflege vernachlässigen.
Ein Blick auf das europäische Ausland
Durch das Forschungsprojekt EUROFAMCARE¹ konnte ein guter Überblick über Aktivitäten
zur Unterstützung und Entlastung pflegender Angehöriger in verschiedenen europäischen
Ländern gewonnen werden. In einigen europäischen Ländern, in denen bereits
seit längerer Zeit Lobbyorganisationen pflegender Angehöriger aktiv sind, steht das
Thema der pflegenden Angehörigen wesentlich höher auf der politischen Agenda als in
Deutschland. Diese nationalen und inzwischen auch regionalen Interessenvertretungen
beeinflussen politische Entscheidungen in erheblichem Maße, z.B. hinsichtlich finanzieller
Unterstützung, flächendeckender Beratungsangebote oder Initiativen zur besseren
Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit. Von den guten Erfahrungen können wir in
Deutschland lernen.
Um den Austausch auf europäischer Ebene zu fördern, hat EUROFAMCARE die Gründung
der europäischen Dachorganisation „EUROCARERS – A European Association
Working for Carers“ mit initiiert und in diesem Rahmen „10 Leitlinien für pflegende Angehörige“
vorgelegt. EUROCARERS sind nun dabei, diese Leitlinien zu einer „Europäischen
Charta für pflegende Angehörige“ auszuarbeiten.
Situation in Deutschland
Es gibt in Deutschland vielfältige Unterstützungs- und Beratungsangebote für pflegende
Angehörige auf lokaler Ebene und auch nationale krankheitsbezogene Interessenverbände.
Was aber bisher fehlte, ist eine bundesweite Interessenvertretung, die das Gemeinsame
aller pflegenden Angehörigen betont und nach außen vertritt und somit die
unterschiedlichen Angehörigeninitiativen vereint. Ein solcher Zusammenschluss wäre
ein Ansprechpartner für die Politik, würde den einzelnen Initiativen mehr Gewicht verleihen
und pflegenden Angehörigen zu mehr Wertschätzung verhelfen. Darüber hinaus
würde er dazu beitragen, die vorhandenen Angebote bekannter zu machen, Qualitätsanforderungen
zu formulieren und auf den Bedarf für neue Entwicklungen aufmerksam zu
machen.
Mitte April 2007 hat sich ein Initiativkreis, bestehend aus Repräsentanten der Selbsthilfe,
Angehörigenberatung, Politik, Sozialversicherung und Wissenschaft getroffen, um gemeinsam
über die Realisierung eines „Forums für pflegende Angehörige“ zu beraten.
Einhellig waren die Experten der Meinung, im nächsten Schritt einen Workshop mit pflegenden
Angehörigen – auch ehemaligen – aus ganz Deutschland zu organisieren, um
gemeinsam Zielrichtung und Struktur eines solchen Forums zu entwickeln. Im Oktober
2007 trafen sich in Hamburg 30 pflegende Angehörige aus der ganzen Bundesrepublik,
um gemeinsam die Gründung einer bundesweiten Interessenvertretung pflegender Angehöriger
auf den Weg zu bringen. Die zehn Leitlinien wurden um zwei weitere ergänzt
und als eine Orientierungshilfe für die weitere gemeinsame Arbeit angenommen.
Inzwischen wurde der Verein: wir pflegen – Interessenvertretung begleitender Angehöriger
und Freunde in Deutschland e.V. gegründet. Zur Zielgruppe gehören all jene,
die eine ihnen nahe stehende Person (Familienangehörige oder Zugehörige wie Freunde,
Bekannte, Nachbarn, aber keine gesetzlichen Betreuer) unentgeltlich pflegen oder
gepflegt haben (im Sinne von sorgen, betreuen und pflegen) und zwar unabhängig von
Alter, Erkrankung oder Behinderung der pflegebedürftigen Person sowie der Wohnsituation
der zu pflegenden Person (häusliche Pflege ebenso wie Betreuung einer Person in
einer Einrichtung). Die Angehörigen wollen künftig auch in Deutschland mehr Einfluss
auf die sie betreffenden Probleme nehmen und möchten z.B. bei der Umsetzung des
Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes ihre Interessen einbringen. Es wird eine Zusammenarbeit
aller Interessierten angestrebt, also primär der pflegenden Angehörigen
selbst, aber auch der Personen und Institutionen, die dabei unterstützend und fördernd
wirken möchten. Im Mai 2008 fand die erste Mitgliederversammlung statt. Hier wurde ein
7-köpfiger Vorstand gegründet, lt. Satzung mehrheitlich aus pflegenden Angehörigen. Es
bildeten sich Arbeitsgruppen zu den Themen: Finanzierung, Organisation, Weiterentwicklung
der inhaltlichen Zielsetzungen, Pflegeversicherung, Vernetzung der vorhandenen
Aktivitäten zu Interessenvertretungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene
und Öffentlichkeitsarbeit. Inzwischen wurde der Verein mit einer Presseerklärung der
Öffentlichkeit bekannt gemacht.
¹ Das EU-Projekt EUROFAMCARE – Situation pflegender Angehöriger in Europa -, das 23 Länder einbezogenund im Kern eine Sechs-Länder-Vergleichsstudie durchgeführt hat – wurde vom Institut für Medizin-Soziologie der Universität Hamburg koordiniert.
Weitere Informationen siehe: www.uke.uni-hamburg.de/eurofamcare
Kontakt
Dr. Hanneli Döhner (Vorstandsmitglied)
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Institut für Medizinische Soziologie, Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie, AG Sozialgerontologie
Martinistr. 52, 20246 Hamburg
Email: doehner@uke.uni-hamburg.de
Tel.: 040 – 7410 54528 - Fax: 040 – 7410 54056

