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Pressemitteilung: Pflegegerechtigkeit bleibt Illusion
Pressemitteilung: Pflegegerechtigkeit bleibt Illusion

Analyse der Ruhr-Universität Bochum bestätigt: Pflegeversicherung benachteiligt häusliche Pflege systematisch zu Lasten pflegender Angehöriger

Berlin, 10. Februar 2026: Der Bundesverband pflegender Angehöriger wir pflegen e.V. zeigt sich alarmiert über die Ergebnisse einer aktuellen Analyse der Ruhr-Universität Bochum. Die Untersuchung zeigt hohe verdeckte Eigenanteile für pflegende Angehörige und belegt, dass die Pflegeversicherung pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen in häuslicher Pflege systematisch höheren Belastungen aussetzt als in der stationären Versorgung. Angesichts der aktuellen Diskussion um eine Begrenzung der Eigenanteile bei einer Unterbringung in einem Heim offenbart die Studie von Prof. Dr. Notburga Ott eine skandalöse Schieflage. 

„Zwar sind die Eigenanteile in Pflegeheimen für viele Menschen untragbar, doch sind diese wenigstens transparent geregelt, werden politisch diskutiert und sollen nun begrenzt werden“, so Nicole Knudsen, Vorständin des Vereins. „Die tatsächlichen, oft existenzbedrohenden Lasten der häuslichen Pflege dagegen bleiben unbeachtet und ungewürdigt“.

Finanzielle Abgründe: Bis zu 7.000 Euro monatlich – Familien am Limit

Die Studie von Prof. Dr. Notburga Ott offenbart politisches Versagen. Das Motto „ambulant vor stationär“ bleibt eine leere Phrase. Werden die unbezahlten Pflegeleistungen von Angehörigen monetär bewertet, liegen die Eigenanteile in der häuslichen Pflege bei über der Hälfte der Betroffenen bei mehr als 2.000 Euro pro Monat. In extremen Fällen steigen sie auf über 7.000 Euro – ein Vielfaches der durchschnittlichen Eigenanteile in stationären Einrichtungen. „Das System bestraft Familien, die Verantwortung übernehmen“, kritisiert Knudsen scharf.

Fehlende Daten, fehlende Gerechtigkeit

Die Studie enthüllt zudem: Während in der stationären Pflege Kosten und Eigenanteile empirisch erhoben und politisch ausgeglichen werden, fehlt für die häusliche Pflege jede Datengrundlage. Leistungsansprüche werden willkürlich festgelegt – ohne wissenschaftliche Basis.

Zurzeit arbeitet eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe an einer sogenannten Pflegereform. Diese Reform, die bereits zum 1. Januar 2027 in Kraft treten soll, setzt diese Ungerechtigkeit in hohem Maße fort. „Die Pflegeversicherung misst Belastung fast ausschließlich in finanziell entlohnten Pflegeleistungen der Pflegeanbieter und übersieht dabei systematisch die unbezahlte Pflegearbeit von Angehörigen“, erklärt Nicole Knudsen. „Genau diese Leerstelle setzt sich auch im Bericht der Arbeitsgruppe fort. Die Politik muss handeln – jetzt. Pflegende Angehörige sind das Rückgrat der Versorgung in Deutschland. Ihr Einsatz darf nicht länger ignoriert werden.“

wir pflegen e.V. appelliert an die Bundesregierung: Schließen Sie die Gerechtigkeitslücke!

Der Verein fordert die Bundesregierung auf, die einseitigen Beratungen zur Pflegereform zu überdenken, endlich bestehende Ungleichheiten zwischen stationärer und häuslicher Pflege abzubauen und die häusliche Pflege langfristig zu stärken. 

Die Studie „Pflegegrade, Leistungsansprüche, Eigenanteile – wie gerecht ist die Soziale Pflegeversicherung?“ steht auf der Webseite der Ruhr-Universität Bochum zur Verfügung. 

Pflege durch Angehörige in Deutschland

86 Prozent der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt, größtenteils von insgesamt ca. 7 Millionen pflegenden An- und Zugehörigen. 

Der wirtschaftliche Wert ihrer unbezahlten, „informellen“ Pflege in der Häuslichkeit wurde 2025 auf über 206 Milliarden Euro jährlich berechnet. Dieser Beitrag zum Gemeinwesen wird aus öffentlichen Geldern nur zu einem geringen Teil kompensiert. 2023 wurden nur 16,2 Milliarden Euro von der gesetzlichen Pflegeversicherung in Form von Pflegegeld ausgezahlt (BMG, 2025). Diese Leistungen sollen 2026 im Zuge einer Pflegereform deutlich gekürzt werden. 

Wachsender Pflegebedarf und akuter Mangel an Pflegefachkräften führen zunehmend zu gesundheitlicher Überforderung der Angehörigen. Fehlende Entlastungs- und Unterstützungsangebote erschweren die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Angehörige sind oftmals gezwungen ihre Erwerbstätigkeit zu reduzieren, mit gravierenden Folgen für die eigene finanzielle Situation, da es keinen Einkommensersatz und keine ausreichende rentenrechtliche Berücksichtigung von Pflegezeiten gibt.

Pressekontakt:

Lisa Thelen, Referentin für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: 030 4597 5750
E-Mail: medien(at)wir-pflegen.net

Büro in Berlin
  • wir pflegen – Interessenvertretung und Selbsthilfe pflegender Angehöriger e.V.
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