Berlin, 7. September 2026 – Zum Tag der pflegenden Angehörigen warnt wir pflegen e.V., Selbsthilfeorganisation und Interessenvertretung pflegender Angehöriger, davor, die finanzielle Krise der Pflegeversicherung auf dem Rücken der Menschen auszutragen, die tagtäglich pflegebedürftige Menschen zu Hause versorgen.
„Die Pflegekassen dürfen nicht auf Kosten pflegender Angehöriger saniert werden. Die finanzielle Schieflage der Pflegeversicherung ist ein strukturelles Problem und kann nicht dadurch gelöst werden, dass Familien noch mehr Kosten übernehmen oder Angehörige noch mehr unbezahlte Pflege leisten“, erklärt Ursula Helms, Vorstandsmitglied von wir pflegen e.V.
Die Pflegeversicherung steht unter massivem finanziellem Druck. Der GKV-Spitzenverband fordert von der Politik schnelle Entscheidungen. Mit dem Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) liegt ein Reformansatz vor, der die Pflegeversicherung finanziell stabilisieren soll. Aus Sicht des Bundesverbands pflegender Angehöriger verschiebt der Gesetzesentwurf Kosten aber vor allem auf die Familien.
Der Pflegereformentwurf bündelt bisherige Einzelleistungen in vier Budgets und hebt die Leistungsbeträge an. Das klingt zunächst nach Vereinfachung und mehr Leistung. Tatsächlich werden unterschiedliche Leistungen aus denselben Budgets finanziert und damit gegeneinander aufgerechnet. Besonders deutlich wird dies beim Entlastungsbudget: Es ersetzt das Pflegegeld und wird leicht erhöht. Aus dem Budget müssten Familien künftig aber auch Pflegehilfsmittel und privat organisierte Ersatzpflege finanzieren. Bei Pflegegrad 2 und 3 kann die nominelle Erhöhung dadurch aufgezehrt werden oder sogar zu einem Minus führen.
Für Familien bedeutet das weniger Spielraum bei der Organisation des Pflegealltags. Professionelle Ersatzpflege kann zwar künftig aus dem Sachleistungsbudget finanziert werden, doch ein kurzfristig verfügbarer Pflegedienst ist schwer zu finden und kann die vertraute Unterstützung durch Angehörige, Freunde oder Nachbarn nicht ohne Weiteres ersetzen.
Zugleich bleibt das Grundproblem bestehen: Die Pflegeversicherung übernimmt nur einen begrenzten Teil der Pflegekosten. Steigende Kosten treffen pflegebedürftige Menschen und ihre Familien über höhere Eigenanteile im Heim, Zuzahlungen und mehr unbezahlte Pflege durch Angehörige in der Häuslichkeit.
An einem strukturellen Umbau führt daher kein Weg vorbei. Notwendig ist zumindest ein fairer Sockel-Spitze-Tausch: Die Pflegeversicherung muss die steigende Spitze der Pflegekosten übernehmen, während Pflegebedürftige im Pflegeheim sowie in der häuslichen Pflege einen planbaren und gedeckelten Sockel selbst tragen.
„Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Eine gute pflegerische Versorgung darf nicht davon abhängen, wie viel Geld eine Familie hat oder wie viele unbezahlte Stunden Angehörige leisten können. Deshalb brauchen wir langfristig eine solidarische, gesamtgesellschaftlich organisierte Pflegevollversicherung, die die häusliche Pflege und die Leistung pflegender Angehöriger einbezieht und absichert“, fordert Helms.
wir pflegen e.V. fordert die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag auf, die Pflegereform grundlegend nachzubessern: Die Pflegekassen brauchen eine nachhaltige Finanzierung, aber nicht auf Kosten der Menschen, die das Pflegesystem bereits heute mit ihrer unbezahlten Arbeit tragen.
Über wir pflegen e.V.:
Der Bundesverband wir pflegen e.V. ist eine Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation pflegender Angehöriger. Der 2008 gegründete Verband und seine derzeit acht Landesvereine setzen sich für nachhaltige Verbesserungen in der häuslichen Pflegeversorgung ein. Über den Austausch mit anderen Pflegenden ermöglichen wir An- und Zugehörigen mehr Anerkennung, Kontakt und Informationen sowie eine Stimme in Politik und Gesellschaft.
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